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Über mein drittes Streichquartett (An Gerhard Richter)

Streichquartett Nr. 3 (für Gerhard Richter), Deckblatt und Notenauschnitt

Nach dem Besuch von: Gerhard Richter- Panorama 2012 in der neuen Nationalgalerie Berlin, begann ich am selben Tag mit der Komposition meines dritten Streichquartetts, das sich auf zwei Bilder der Ausstellung bezieht . Die beiden Sätze Woods (Dichotomie) und Epiphanie beziehen sich auf die gleichnamigen Bilder aus unterschiedlichen Schaffensperioden Gerhard Richters.

Im ersten Satz Woods wechseln sehr schroffe Akkordteile und schnelle Doppelgriffglissandi mit zartesten Flageolett und Mikrotönen ab. Dennoch bleibt das Tonmaterial gleich, abwechselnd in verschiedenen Formen und Gestalten. So wie sich im Bild stetig neue Sichtweisen öffnen, wenn man den Betrachtungswinkel verändert.

Im zweiten Satz Verkündigung, habe ich versucht, die Maltechnik von Gerhard Richter aus der Phase der frühen Siebzigerjahre auf das Gebiet der Musik zu übertragen. Liegende Flächen einzelner temperierter Töne werden durch gleichzeitig langsame und schnelle Glissandibewegungen nach und nach bewegt und entfernen sich allmählich von einem Tonzentrum. Mikrotonale Abweichungen verändern unmerklich die Struktur. Durch die Verwendung von natürlichen und künstlichen Flageoletts werden die Spektren einzelner Töne und Motive hervorgehoben und beleuchtet. So wie das Bild erscheint uns auch die Musik in einem einzigen Schwebezustand.

Für die Technik der Diffusion verwende ich in meiner Arbeit vielfältige Methoden:

a) Liegende Flächen einzelner temperierter Töne werden durch gleichzeitig langsame und schnelle Glissandibewegungen (Glissandokontrapunkt) nach und nach bewegt und entfernen sich allmählich von einem Tonzentrum (vgl.: Gerhard Richter, "Über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen").

 b) Mikrotonale Abweichungen verzerren nach und nach die Struktur (vergleichbar mit der schlierenartigen Verwischtechnik in der Malerei Gerhard Richters).

c) Durch die Verwendung von natürlichen und künstlichen Flageoletts werden die Spektren einzelner Töne und Motive hervorgehoben und gesondert beleuchtet. Der damit verbundene Prozess des „Heran-Zoomens“ von Details, lässt diese wie Fluchtpunkte vor den hintergründig ruhenden Klangflächen der Partitur erscheinen.

Solcherart „Klangspuren“ und Chiffren fokussieren blitzartig die Aufmerksamkeit auf verborgene Kristallisationspunkte der Partitur. Aus einzelnen vagen Andeutungen (Verschwommenheit) erwächst die Ahnung eines dahinterliegenden Wesentlichen. „Insofern wird niemals ein exakt selbiges wiederholt, sondern die vermeintliche Identität einer Bedeutung erzeugt sich nur in Abweichung von sich selbst und damit in Differenz zu sich selbst.“ (Zitiert aus: Jacques Derrida, Andere in Schriften, Dreistholtkamp, Uwe: Jacques Derrida)

Die Komposition ist dem einzigartigen Künstler Gerhard Richter gewidmet.

Streichquartett Nr. III (Für Gerhard Richter) (2012-2018)

I. Woods,
II. Epiphanie

Royal Stringquartet Warsaw
(Izabella Szalaj-Zimak, 1. VL., Elwira Przybylowska, 2. VL., Pawel Czarny, Vla., Michael Pepal, Vc.)
Dietrich Petzold, Tonmeister

Festival intersonanzen.2019 (31.5.2019)

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