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Über Beethovens Neunte
und die Notwendigkeit von Beethoven_off_set

Eine meiner frühesten Begegnungen mit dem Bonner Meister war eine Langspielplatte, ein Geschenk von meiner Mutter. Hierauf waren die drei Schlachtrösser: Mondscheinsonate, Pathetique und Appassionata, eingespielt von Daniel Barenboim, umrahmt von einer idyllischen Gebirgslandschaft.

Ich muss ca. 11 Jahre alt gewesen sein. Wenig später begann ich dann selber, von den Früchten der Pathetique und der Mondscheinsonate zu naschen, parallel hierzu hörte ich Rockmusik und hatte eine LP von ELO mit dem Hit: „Roll Over Beethoven“. In meinem Kinderzimmer hing eine Reproduktion von Andy Warhols Beethoven Portrait, worauf dieser mit blauem Gesicht und hochfliegenden Haaren auf blau-violettem Notenzitaten abgebildet war. Mich an das Klavier setzen und mit noch unvollkommenen Fingern seine Sonaten spielen zu können, gab mir in den schwierigen Jahren der Pubertät großen Halt. Später entdeckte ich andere Komponisten. Brahms, Bartok, Wagner, Skrijabin… In den intensivsten Stunden kam ich jedoch immer zu Beethoven zurück. Die kompromisslose Menschlichkeit seiner Tonsprache, eine Monumentalität, die viele seiner Schöpfungen durchdrang, sein rebellischer unbeugsamer Geist ..., all dies zog mich magisch in seinen Bann. Die endlose Kadenz der Mondscheinsonate, jene in Stein gehauene französische Overtüre der Pathetique, die unfassbare Einsamkeit im Adagio der Hammerklaviersonate, die Entrücktheit von op. 111 , die späten Streichquartette mit dem Gipfel der großen Fuge (ein Werk, welches laut Strawinsky zu allen Zeiten Neue Musik sein wird), die Klavierkonzerte, seine Symphonien, und so vieles mehr! Und natürlich op. 125.

Diese „die Neunte“ hatte mich immer fasziniert und in gleicher Weise abgestoßen. Ja, dieser Orchesterbau ist einzigartig, kein einziger von Ludwigs Zeitgenossen wäre in der Lage gewesen, solch ein Klanggebäude zu errichten. Dennoch störte mich nach der Innigkeit des Adagios der lärmende vierte Satz. Dessen imperativer Aufruf zur Menschlichkeit in einem in dieser Form noch nie da gewesenen Schlusschor als Teil einer Symphonie ist zugegeben einzigartig. Aber schon Wagner hielt den Satz für den schwächsten der Symphonie und Adorno machte sich gar über diese "Volksrede an die Menschheit“ lustig.

Nehmen wir nur die Trivialität der Melodie, die ja bewusst so geschrieben wurde, dass jeder Menschenbruder (und -schwester) sie verstehen musste. Es scheint, als ob dieses Motiv in endlosen Wiederholungen auch noch den letzten Zuhörern eingehämmert werden sollte. Debussy schreibt hier zu Recht von dem Finale als einem „Popanz der öffentlichen Massenverehrung“.

Für die meisten Menschen ist dieses aus fünf Tönen bestehende Thema das einzige von Beethoven, womit sie, neben für Elise und dem Schicksalsmotiv der Fünften, in ihrem Leben in Berührung kommen (ähnlich den Touristen, die nach dem Besuch von Disneyland und dem Eifelturm sich in Frankreich wähnen). Die Werbung hat die Wirkung dieser in unserem kollektiven Unterbewusstsein verankerten Melodie ja auch hinlänglich mit Jingles und Spieluhren ausgenutzt. Als Kind musste ich meiner Tante Beethoven vorspielen, wofür ich meistens zwei Mark bekam. Für sie war B. schwerer als Mozart und daher wohl auch gehaltvoller. Wie dem aus sei, die zwei Mark konnte ich gut gebrauchen.

Aber auch die Verwendung der Melodie als Europahymne ist, angesichts der vielen auf dem Weg nach Europa ertrunkenen Flüchtlinge, heutzutage blanker Hohn. Brüder sind anscheinend doch nicht gleich Brüder.

Zurück zum vierten Satz und meinen Schwierigkeiten hiermit. All dieses aufgesetzte äußerliche Pathos und dann dieser unsägliche Text mit seinen schillernden Plattitüden. Schon die Soli der Kontrabässe! Die Wiederentdeckung des Rezitativs, genial in den späten Klaviersonaten, hier wirkt es irgendwie sehr ruckartig aufgesetzt. Die Einsätze der Sänger - für meinen Geschmack viel zu pathetisch. Aber wir sehen es durch unsere heutige Brille - aus dem Blickwinkel des gescheiterten Humanismus.

Der bedeutende amerikanische Schriftsteller Thomas Pynchon schrieb 1973 sarkastisch: „Wenn man diese Musik hört, möchte man gleich losmarschieren und Polen erobern“.

Hierzu passt auch ein Zitat von Nikolaus Frank: „Und wenn dann wieder ein Land überfallen, und Deutschland etwas angestellt hatte, dann wurde “die Neunte“ gespielt“. Nikolaus Frank war der Sohn von Hans Frank, seines Zeichens als Leiter des Ostgouvernements verantwortlich für die Ermordung von ca. 2 Millionen Juden im sogenannten Dritten Reich. Sein Vater war durchaus kunstsinnig, er besaß eine zusammengeraubte Sammlung von Chopin. Richard Strauß widmete ihm 1941 (!) noch ein Kampflied. Natürlich war Frank auch Beethovenverehrer.

Aber 1821 ist nicht gleich 1941. Damals gab es noch Räume für unschuldige Utopien und die Romantik, die ja spätestens in Polen im zwanzigsten Jahrhundert enden sollte, stand noch bevor. Und so sollte man auch den Schillerschen Text mit all seinen Peinlichkeiten sehen. Die Intention des Verfassers war durchaus ehrlich und idealistisch. Oden waren damals en vogue, ob nun der Verfasser Schiller oder Klopstock hieß. Außerdem lag der Kampfruf aus der Französischen Revolution noch frisch in der Luft.

Dennoch bewirkt in mir das pompös inszenierte Finale mit seinem Dauerohrwurm, dass ich mich weinend aus diesem Bund stehlen möchte und mich freue, wieder an der Garderobe zu stehen. Und darüber hinaus interessiert mich die Einsamkeit des zweiten Fagottisten von jeher mehr als all der Glanz der Solisten.

Deswegen habe ich 2015 mit meinem vierzigminütigen Orchesterstück: Beethoven_ off_set begonnen, das ich dieses Jahr im August vollendet habe.

Ja, manch einer wird mich vielleicht für einen Frevler halten: Ist es nun eine Schändung von einem der heiligsten deutschen Kulturgüter? Wird hier eine heilige Kuh geschlachtet? Oder sollte es nicht viel eher, gerade heute, an der Zeit sein, der Neunten etwas von ihrer ursprünglichen Aura zurückzugeben? Mit blinder steinerner Verehrung wird man dem Schöpfer dieses Werks jedenfalls nicht gerecht.

Es geht in dieser Arbeit nicht um eine Verballhornung der gängigen Klischees. Stattdessen ist es der Versuch, die verborgenen Schichten von Beethovens wunderbarer Partitur freizulegen und hierbei die Erfahrung von zweihundert Jahren Wirkungsgeschichte hinzuzufügen. In Betthoven_ off_set habe ich signifikante Stellen von der neunten Symphonie mit der Sprache unserer Zeit verbunden und weitergeführt. Im ersten Satz ist es der nahezu spektrale Klang der Einleitung mit seinen leisen Tremoli, im Scherzo das Dauerfeuer der Tonrepetitionen, deren Echo-Surround von allen Seiten zu kommen scheint, vermischt mit Klängen aus der Cafeteria und dem Offbereich der Philharmonie. Das Adagio ist vermischt mit Liedern und Motiven aus verschiedenen Gettos und Konzentrationslagern. Die Bruchstücke der Originalmelodie hört der Zuhörer wie Signale der Hoffnung aus einem verrauschten Radiosender. Inspiriert haben mich hierbei auch die Erinnerungen an Buchenwald des spanisch-französischen Autors Jorge Semprun („ Was für ein schöner Sonntag“).

Der schon mehrfach erwähnte vierte Satz zeigt Filmausschnitte von Furtwänglers Aufführung der Neunten 1942 in Anwesenheit der höchsten Naziprominenz sowie die Aufführung der Symphonie im Rahmen des G-20 Gipfels in Hamburg, umrahmt von dem lautstarken Protest der Gipfelgegner.

Die Struktur der Ode wird nur verfremdet angedeutet, der Chor setzt auf einer Art Antihöhepunkt ein und singt die Textsilben mit geschlossenem Mund. Während die Neunte im lärmenden Jubel endet, verebbt meine Komposition in zartem pianissimo wie in weitester Ferne.

Das Ziel meiner Arbeit in Beethoven_ off_set ist es, den Ausverkauf dieses Meisterwerks durch inflationäre Aufführungen sowie dessen Missbrauch seitens der Politik deutlich zu machen und neue Wege der Wahrnehmung zu öffnen. Sollte mir das gelungen sein, so war die Arbeit nicht umsonst.

Ansonsten könnt ihr mich gerne aus eurem Olymp verbannen.

Andreas F. Staffel, Heideblick, 20. August 2019

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