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Über „Beethoven offset“ für Orchester und Ensemble

Beethoven offset - Notenblatt

“Ich habe gefunden“, sagte er, „es soll nicht sein“. „Was, Adrian, soll nicht sein?“ „Das Gute und Edle“, antwortete er mir, „was man das Menschliche nennt, obwohl es gut ist und edel. Um was die Menschen gekämpft, wofür sie Zwingburgen gestürmt und was die Erfüllten jubelnd verkündet haben, das soll nicht sein. Es wird zurückgenommen, ich will es zurücknehmen.“ Ich verstehe dich, Lieber, nicht ganz. Was willst du zurücknehmen?“ „Die Neunte Symphonie“ erwiderte er. Und dann kam nichts mehr, wie ich auch wartete. (Thomas Mann, Dr. Faustus)

Diese Sätze, die Thomas Mann den Protagonisten Adrian Leverkühn gegen Ende des Romans sprechen lässt, entstanden unmittelbar, nachdem dieser Bilder von den befreiten Konzentrationslagern aus Nazideutschland gesehen hatte. Diese Sätze haben mich nachhaltig beeindruckt und zu dieser Komposition angeregt.

Die ersten Skizzen zu einem Orchesterstück entstanden im Frühjahr 2015.

In „Beethoven offset“ steht dem Orchester der „Neunten“ ein zeitgenössisches Ensemble aus Orchestermusikern gegenüber.

Beethoven offset - Skizze der räumlichen Anordnung von Orchester, Ensemble, Publikum und Dirigent
Skizze der räumlichen Anordnung

Das Orchester spielt Fragmente aus allen Sätzen der neunten Symphonie. Die Musiker spielen durchweg mit Dämpfern, die beethovenschen Sforzatos klingen wie aus weiter Ferne. Das Ensemble spielt hierzu auskomponierte Geräusche aus dem Off (beispielsweise Geräusche aus einer Cafeteria und Autohupen von der Straße). Im weiteren Verlauf reagieren die Musiker seismografisch auf die Klänge aus dem Orchester. Die beiden Instrumentengruppen sind zeitlich koordiniert, sodass die Partitur von einem Dirigenten geleitet werden kann. Alte und neue Spieltechniken stehen sich hierbei gegenüber, vergleichbar mit einer Ausstellung von schwarz-weißen und digitalen Fotos.

Das moderne Ensemble übernimmt Klänge wie z. B. die Tremoli aus dem ersten oder Repetitionen aus dem zweiten Satz und führt diese mit den Möglichkeiten eines zeitgenössischen Ensembles weiter. Das Publikum hat die Illusion, einem Konzert aus weiter Ferne beizuwohnen, und befindet sich doch inmitten der Aufführung.

Das Adagio des dritten Satzes wird einer Aufeinanderfolge von verfremdeten jüdischen Liedern gegenübergestellt. Die humanistische Innigkeit der beethovenschen Musik begegnet unmittelbar der Tragik deutscher Geschichte.

Den Beginn des vierten Satzes spielen beide Instrumentengruppen im äußersten ff um dann plötzlich im gespenstischen Pianissimo zu erstarren. Es ist, „als würde eine Tür aufgerissen und sofort wieder zugeworfen“.

Der Schlusschor singt mit geschlossenem Mund und symbolisiert die Sprachlosigkeit aller Entrechteten und Entmündigten. Wir hören vom Band Aufnahmen vom G20-Gipfel 2017 aus Hamburg. Auf der Straße versammeln sich lautstarke Demonstranten, während im inneren der Elbphilharmonie die internationalen Staatschefs der neunten Symphonie lauschen. Außerdem erklingen Fragmente aus dem legendären Furtwänglerkonzert 1942, das in Anwesenheit der ranghöchsten Naziprominenz stattfand. Die Bruchstücke des jubelnden Schlusschores verhallen in weitester Ferne.

Im Verlauf von „Beethoven offset“ erleben wir eine zunehmende Entheroisierung der neunten Symphonie und gleichzeitig eine Mahnung vor Missbrauch dieser zutiefst menschlichen Musik durch menschenverachtende Regime und Diktatoren.

Berlin, Juni 2019
Andreas F. Staffel

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